ZanRé
Tempomat
Zürich, Kreis 3, irgendwann Ende der 2010er-Jahre. James Tambini, 57, hat es – trotz mangelndem Ehrgeiz – als Kleinunternehmer zu etwas Szeneruhm und Wohlstand gebracht und kann sich die Frühpension leisten. Ein angepasster Zeitgenosse ist er, eher zufällig alternativ sozialisiert. Auf seinen Streifzügen durchs Quartier sinniert er über Gott und die Welt, das Leben und das Älterwerden.
Wir begleiten James Tambini auf einem Streifzug durchs Quartier und begegnen mit ihm dem Kunstdenker Gerland Buntgensteig oder einer alten Junkiefrau am Helvetiaplatz; wir sind bei ihm, wenn er im «Meyer’s» ein Hippiemädchen bezirzt und danach mit Sherlock Holmes über das CERN und Flacherdler debattiert. Und wir verbringen die Festtage mit James bei seiner Mutter Umbrella und seiner Tante Mary in Italien, wo er sich mit seiner etwas skurrilen Familiengeschichte auseinandersetzen muss.
Zunehmend häufen sich die surrealen Momente, Realität und Fiktion überlagern sich, und James überlässt sich dem senegalesischen Taxifahrer Karamell. Die Auflösung steht bevor – und mit ihr das Grande Finale zu den Klängen der «Bohemian Rhapsody».
Gerald Koll
Knochenland
Wir schreiben das Jahr 1892. Heiß, schwül und voller Mücken ist der Sommer auf Java. Hier vermutet der Niederländer Eugène Dubois Spuren frühester Menschen. Dubois will Darwins Theorie beweisen. Er will der erste Mensch sein, der den ersten Menschen findet. Dubois ist ein ehrgeiziger Mann.
Einer seiner Zwangsarbeiter findet in einer Flussuferwand einen fossilen Oberschenkelknochen. Dubois ordnet ihn einem gefundenen Zahn und einem Schädeldach zu und präsentiert der Welt den Pithecanthropus erectus, den Affenmenschen. Eine Sensation. Aber Zweifler melden sich zu Wort, angeführt von Rudolf Virchow. Dubois bleibt stur.
Eugène Dubois (1858–1940) ist historisch. Der Pionier der Paläontologie ist in Deutschland weitgehend unbekannt. Schade. Der Roman lässt den unbequemen Forscher selbst zu Wort kommen, aber auch jene, die ihn umkreisen: den Zwangsarbeiter, die Ehefrau, den Sohn, das Totgeborene. Ebenso einen Schamanen und einen Dämon. Virchow nicht zu vergessen. Und noch jemand meldet sich zu Wort: ein Meteoroid, kreisend im All, der den Weg der Menschwerdung verfolgt und sich danach sehnt, eines Tages Dubois persönlich zu treffen.
Knochenland ist ein Roman auf der Suche nach der Menschheit.
Robert Mattheis
Dr. Frost, Roman
Roman Frost ist ein moderner «Mann ohne Eigenschaften», passenderweise hat er über das Thema «Robert Musil und das Ende des Romans» promoviert. Da sich daraus (natürlich) in Zeiten akademischer Abrüstung keine wissenschaftliche Laufbahn ergibt, beschließt er: «Gehe ich halt ins Marketing! Werde ich Texter!» So kommt er zu Cyclops Media, einem Medienkonzern mit Sitz in Peine. Der Entertainmentgigant, untergebracht in einem riesigen Hochhaus, bespielt alle Kanäle, pumpt die Bilder, die Meinungen bilden, hinaus ins Land, herrscht über die Köpfe. Dr. Roman Frost, der sich willenlos treiben lässt und auch keine eigenen Absichten verfolgt, landet überraschend schnell auf dem Sessel des «Vorstands Strategie».
Während in der Außenwelt die Situation eskaliert – es kommt zu Terroranschlägen aufs Cyclops-Media-Gebäude, Amokläufe ereignen sich, eine Zombie-Epidemie erfasst die Welt –, läuft im Innern des Medienkonzerns der Wahnsinn ungestört weiter.
Roger Monnerat
Verse in Prosa aus dem Kopfüberhang
Meine Worte kommen
aus dem Kugelschreiber
nicht Sprüche sind sie
Silber ausgeschmolzen
im Schüttofen der Erde
aber auch nicht
was von glatten Lippen rutscht
befördert durch eine großrednerische Zunge
nein, aus dem Kugelschreiber kommen sie
in den Kegel der Schreibtischlampe.
Sie behüten und bewahren
was ich in der Weltzeit
die auch meine ist
zu behüten und bewahren trachte.
Andreas Niedermann
Das Buch Maloch
«Ich war elf Jahre alt und wurde Möbelpacker, Fensterputzer und Raumpfleger. Mittwochs und samstags. Mittwoch Möbelpacker. Samstag Fensterputzer und Raumpfleger. Ich war, wie gesagt, elf Jahre alt, exzessiv gutmütig, gewohnt zu tun, was man mich hieß. Solange es Arbeit betraf.»
So beginnt eine der 32 Geschichten über «Maloche», die Andreas Niedermann nicht nur beschreibt, sondern selber erfahren hat. Es sind Geschichten über harte, körperliche Arbeit, über die Verachtung, die Glorifizierung und das Glück von Arbeit. Über Begegnungen mit Arbeitern in Fabriken und Lagerhallen, in Fitnessläden und Bauernhöfen. Über die gefährliche Arbeit mit wilden Pferden und über das Hüten von Rinderherden, über Prozesse vor Arbeitsgericht und über die seltsam glücklich machende Erfahrung von Solidarität. Von Arbeitsexzessen und Burnout. Über Maloche für den Lebensunterhalt, und auch über Maloche als Grundlage für Glückseligkeit.
Das «Buch Maloch» ist erhältlich ab November 2024.
Alice Grünfelder / Mine Dal
schön & glücklich
«schön & glücklich» ist eine gemeinsame Produktion von Alice Grünfelder und Mine Dal, beide Zürich. Die Autorin und die Fotografin zeichnen in Text und Bild ein Leben, eine Biografie, von der Kindheit übers erste Verliebtsein bis hin zur schmerzhaften Trennung im Alter. Einen Lebensbogen, der Abgründen entlanggleitet, von der Ohnmacht des Einzelnen erzählt und das Versehrte zeigt.
Die Figuren in den Geschichten werden seziert, ohne sie zu denunzieren, sie kommen vielmehr in ihrer eigenen Schönheit und Tragik zu Wort. Sei es das Kind, das nicht mehr Kind sein darf, eine Jugendliche, die auf den Anruf ihrer ersten grossen Liebe wartet – Mine Dals Fotografien und Alice Grünfelders Texte führen in eine Welt, die erst auf den zweiten Blick zu erahnen ist. Das Bild verspricht zunächst Orientierung, die Haikus, Prosaminiaturen und Erzählungen schaben die Oberfläche frei, legen Verborgenes bloss. Und das ist nicht immer nur schön.
Robert Mattheis
Wut ist das Glück der Verzweifelten
«Gehts auch etwas weniger ironisch? Weniger cool, weniger unangreifbar, vielleicht sogar – persönlich, verletzlich?» Dies die Bitte des Verlags für einen zweiten Band mit Robert Mattheis' Gedichten. Das haben wir nun davon.
Wer darum bittet, die seichten Wasser der Ironie zu umschiffen, riskiert, am dahinter liegenden Land des Hasses zu stranden. Was Mattheis zum Glück umgeht. Vielmehr sondiert er die Terrains, auf denen man sich wiederfindet, wenn man auf den Plastikhelm aus Ironie verzichtet, es zugleich aber auch ablehnt, zum Vorschlaghammer zu greifen.
Das Ergebnis? Ein Selbstbildnis des Autors, der es kaum mehr aushält in den Panzerungen, in denen unsere Gesellschaft durch ihre Alltage steuert. Bitterkeit, einen melancholischen und mitunter depressiven Grundton mag man den Gedichten vorwerfen, ja. Das scheint aber dem unumgänglich, der darum ringt, Mensch zu bleiben in einer Welt, in der wir vor allem Konsumenten sind.